Gute Renten in einer lebenswerten Welt: Was die Schweiz von den Niederlanden lernen kann

26.10.2026 – Wie können Pensionskassen nicht nur gute Renten sichern, sondern gleichzeitig zu einer lebenswerten Zukunft beitragen? An der Building Bridges Konferenz vom 7. Oktober 2026 in Genf organisierte die Nest Sammelstiftung eine Veranstaltung mit Vertreterinnen und Vertretern von Pensionskassen, Finanzinstituten, Wissenschaft und Zivilgesellschaft um zu diskutieren, wie mehr Vorsorgegelder gezielt für eine positive gesellschaftliche und ökologische Wirkung eingesetzt werden können. Im Mittelpunkt stand ein ambitioniertes Vorbild aus den Niederlanden: Dort sollen institutionelle Investoren mindestens 10 Prozent ihrer Anlagen für wirkungsorientierte Investitionen einsetzen. Könnte eine solche Initiative auch in der Schweiz den Wandel beschleunigen?


Was nützt eine gute Rente ohne eine lebenswerte Welt?

Die Aufgabe einer Pensionskasse ist klar: Sie soll die Altersvorsorge ihrer Versicherten langfristig sichern. Doch was nützt eine gute Rente, wenn die Lebensgrundlagen zunehmend unter Druck geraten? Klimawandel, Biodiversitätsverlust und gesellschaftliche Herausforderungen betreffen auch die Zukunft unserer Altersvorsorge. Pensionskassen verwalten nicht nur grosse Vermögen, sondern investieren damit in Unternehmen, Infrastruktur, Immobilien und die Wirtschaft von morgen. Ihre Anlageentscheide beeinflussen deshalb auch die Welt, in der ihre Versicherten einmal ihren Ruhestand verbringen werden.

Unter dem Titel «Good Pensions in a Liveable World: Learning from the Netherlands' 10% for Impact» hat die Nest Sammestiftung an der diesjährigen Building Bridges Konferenz in Genf zu einem internationalen Austausch eingeladen. Gemeinsam mit der niederländischen Botschaft, der Swiss Platform for Impact Investing (SPII) und zahlreichen weiteren Partnerorganisationen wollten wir eine Diskussion anstossen: Wie können Schweizer Pensionskassen noch stärker zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?


Die Niederlande zeigen, wie es gehen könnte

Den Auftakt machte die niederländische Botschafterin Karin Mössenlechner. Sie betonte, wie wichtig gemeinsames Handeln angesichts der grossen ökologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ist.
Anschliessend stellte Simona Benvenuti, Direktorin des 10%-Programms beim Netherlands Advisory Board on Impact Investing, eine bemerkenswerte Initiative vor. Das niederländische Programm verfolgt ein einfaches Ziel: Institutionelle Investoren sollen mindestens 10 Prozent ihres Vermögens für Impact Investing einsetzen. Davon sollen 4 Prozentpunkte in Schwellen- und Entwicklungsländer fliessen.

Impact Investing bedeutet, dass Investitionen neben einer finanziellen Rendite auch gezielt eine positive gesellschaftliche oder ökologische Wirkung erzielen sollen. Beispielsweise durch die Finanzierung erneuerbarer Energien, bezahlbaren Wohnraums, nachhaltiger Infrastruktur oder den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen.

Die Initiative wurde im Dezember 2023 lanciert. Ausgangspunkt war eine Marktanalyse, die für die Niederlande einen Anteil wirkungsorientierter Anlagen von rund 4 bis 6 Prozent ausgewiesen hatte. Warum also nicht gemeinsam eine Verdoppelung anstreben? Die Umsetzung erwies sich als anspruchsvoll. Es brauchte Gespräche mit Pensionskassen, Versicherungen und Vermögensverwaltern, eine Analyse bestehender Hindernisse und vor allem die Bereitschaft, voneinander zu lernen.

Heute haben mindestens drei niederländische Pensionskassen und drei Versicherungen öffentlich entsprechende Ziele formuliert. Weitere Institutionen verfolgen interne Ziele oder haben eigene Ambitionen festgelegt.

Simona Benvenutis wichtigste Erkenntnis: Es braucht kein perfektes System, um anzufangen. Entscheidend sind eine klare Ambition, glaubwürdige Anlagegrundsätze und die Zusammenarbeit innerhalb des Finanzsektors.


Wie könnte ein Schweizer 10%-Ziel aussehen?

Die Schweiz verfügt über rund 1,2 Billionen Franken an Pensionskassenvermögen. Würden davon 10 Prozent gezielt für wirkungsorientierte Investitionen eingesetzt, entspräche dies einem Kapital von rund 120 Milliarden Franken.

Doch kann das niederländische Modell einfach auf die Schweiz übertragen werden?
Rosa Sangiorgio, Vorsitzende der Swiss Platform for Impact Investing, verwies auf einen wesentlichen Unterschied: Während die Niederlande über einen stärker konsolidierten Pensionskassenmarkt verfügen, zählt die Schweiz noch immer rund 1'300 Pensionskassen.

Ein möglicher Weg wäre deshalb, zunächst eine Gruppe engagierter Pensionskassen zusammenzubringen, die gemeinsam vorangehen. Dafür braucht es ein gemeinsames Verständnis von Wirkung, vergleichbare Messmethoden und geeignete Investitionsmöglichkeiten.

Jonathan Normand von B-Lab Schweiz und der Swiss Impact & Prosperity Initiative ergänzte eine wichtige Perspektive: 10 Prozent seien zwar eine bedeutende finanzielle Grössenordnung, aber noch keine Antwort auf die Frage, welche gesellschaftlichen Veränderungen damit erreicht werden sollen.
Es gehe darum, konkrete Ziele zu definieren: Welche Wirkung wollen wir beispielsweise bei Energie, Wohnen, Gesundheit oder gesellschaftlichem Zusammenhalt erzielen? Und wie können die Erkenntnisse aus den ersten 10 Prozent dazu beitragen, auch die übrigen Anlagen nachhaltiger auszurichten?


Nachhaltigkeit und treuhänderische Verantwortung gehören zusammen

Eine zentrale Frage der Diskussion lautete: Gehört es überhaupt zur Aufgabe einer Pensionskasse, mit ihren Investitionen eine positive Wirkung zu erzielen?
Mirjam Garzon vom Global Impact Investing Network (GIIN) zeigte auf, dass immer mehr institutionelle Investoren ihre Verantwortung breiter verstehen. Neben der finanziellen Sicherheit berücksichtigen sie zunehmend auch die langfristigen Lebensbedingungen ihrer Versicherten.

Besonders interessant war dabei die niederländische Erfahrung mit der Einbindung der Versicherten. Emmeline Cooper, die an einem entsprechenden Beteiligungsprozess mitgewirkt hatte, berichtete, wie sich Mitglieder einer Pensionskasse intensiv mit wirkungsorientierten Anlagen auseinandersetzten. Die Diskussionen trugen dazu bei, dass die Pensionskasse höhere Impact-Investitionen anstrebte.
Auch die Sicht auf Natur und Umwelt kam nicht zu kurz. Amandine Favier vom WWF Schweiz erinnerte daran, dass weltweit weiterhin wesentlich mehr Kapital in umweltschädliche wirtschaftliche Aktivitäten fliesst als in den Schutz und die Wiederherstellung der Natur.

Dabei reicht es nicht, ausschliesslich zusätzliche Investitionen in nachhaltige Lösungen zu tätigen. Ebenso wichtig ist es, negative Auswirkungen bestehender Anlagen zu reduzieren.
Thomas Giroux von der ETH Zürich beleuchtete die wissenschaftlichen Grundlagen. Wer mit Investitionen Wirkung beansprucht, muss glaubwürdig darlegen können, welchen Beitrag die Anlageentscheide tatsächlich zu positiven Veränderungen leisten.


Was ist realistisch für Schweizer Pensionskassen?

Wie ein solches Ziel in der Praxis umgesetzt werden könnte, diskutierten Arthur Dessaix von der Genfer Pensionskasse CPEG sowie Vertreterinnen und Vertreter von Allianz Global Investors, LGT Capital Partners und responsAbility Investments.

Für Pensionskassen bleiben Rendite, Risiko, Liquidität, Diversifikation und Anlagekosten entscheidende Kriterien. Ein Impact-Ziel kann deshalb nicht losgelöst von der bestehenden Anlagestrategie umgesetzt werden.
Gleichzeitig entstehen zunehmend Anlagemöglichkeiten in Bereichen wie erneuerbare Energien, nachhaltige Infrastruktur, Klimaschutz, finanzielle Inklusion und bezahlbarer Wohnraum.
Diane Mak von Allianz Global Investors betonte, dass Wirkung über unterschiedliche Anlageklassen hinweg betrachtet werden sollte. Auch Keimpe Keuning von LGT Capital Partners und Nadia Nikolova von responsAbility diskutierten, wie institutionell geeignete Angebote weiterentwickelt und skaliert werden können.
Eine gemeinsame Erkenntnis war, dass ein 10%-Ziel nicht zwingend eine zusätzliche, isolierte Anlagekategorie erfordert. Es kann vielmehr dazu beitragen, bestehende Anlagestrategien zu überprüfen und das gesamte Portfolio stärker auf gesellschaftliche und ökologische Wirkungen auszurichten.


Bei Nest wird Impact bereits in der Anlagestrategie berücksichtigt

Für Nest ist die Frage nach der Wirkung von Anlagen nicht neu. Seit ihrer Gründung 1983 verfolgt die Stiftung einen ökologisch-ethischen Anlageansatz.
Dabei geht es nicht nur darum, bestimmte Branchen und Unternehmen auszuschliessen. Mit dem Best-in-Service-Ansatz bevorzugt Nest Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen einen besonderen gesellschaftlichen Nutzen aufweisen. Durch die Ausübung von Stimmrechten und den direkten Dialog mit Unternehmen setzen wir uns zudem für Verbesserungen ein.
Zum Impact-Bereich gehören unter anderem zweckgebundene Anleihen, gewisse Private-Equity- und Infrastrukturanlagen sowie teilweise direkt gehaltene Immobilien mit einem entsprechenden Wirkungsansatz.
Darüberhinaus betrachten wir auch die positiven und negativen Auswirkungen unserer übrigen Anlagen. Denn nicht jede Investition kann als Impact Investment bezeichnet werden – aber jede Investition kann über eine Wirkung verfügen.

Künftig möchten wir deshalb nicht nur mehr wirkungsorientierte Investitionen, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit anderen Investoren, Forschung und öffentliche Diskussionen zu einer nachhaltigen Veränderung des Finanzsystems beitragen.


10 Prozent als Anfang – und die restlichen 90 Prozent?

Was bleibt von der Diskussion in Genf?
Die niederländische Initiative zeigt, dass eine konkrete Zielsetzung Bewegung in den Finanzsektor bringen kann. Sie schafft eine Orientierung, fördert die Zusammenarbeit und motiviert finanzielle Institutionen, neue Wege zu gehen.

Für die Schweiz könnte ein ähnlicher Prozess ein wichtiger nächster Schritt sein. Denkbar wäre eine Gruppe engagierter Pensionskassen, die gemeinsam mit Branchenorganisationen und Forschungspartnern zunächst eine Bestandesaufnahme erstellt und konkrete Möglichkeiten für zusätzliche wirkungsorientierte Investitionen aufzeigt.

Dabei sind auch die Versicherten gefragt: Welche Erwartungen haben sie an ihre Pensionskasse? Und wie soll ihr Vorsorgevermögen neben der finanziellen Sicherheit zu einer lebenswerten Zukunft beitragen?
Die Veranstaltung an der Building Bridges ist zu Ende. Die Diskussion darüber, wie Schweizer Pensionskassen ihre Wirkung verstärken können, soll damit aber erst beginnen.
10 Prozent können ein wichtiger Anfang sein. Die übrigen 90 Prozent verdienen ebenso viel Aufmerksamkeit. Und bei 100 Prozent der Anlagen müssen die langfristigen Interessen unserer Versicherten im Mittelpunkt stehen.


Ein herzliches Dankeschön an alle Referierenden, Partnerorganisationen und Teilnehmenden für den engagierten Austausch. Gemeinsam möchten wir die Diskussion weiterführen und dazu beitragen, dass gute Renten und eine lebenswerte Welt Hand in Hand gehen.

Fotos: Building Bridges 2026 / Antoine Tardy